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Von Elend und Sorge

Harzdurchquerung mit Brockenüberschreitung in drei Tagen

Wir, eine „wanderwütige“ Gruppe von neun Mitgliedern der Leipziger Alpenvereinssektion haben in Ellrich den Regionalzug verlassen. In drei Etappen, vom 4. bis 6. Mai, wollen wir die Strecke von Ellrich bis Ilsenburg über den Brocken bewältigen. Zur besseren Koordinierung des Gepäcks hatten wir bereits vorher „Verpflegungsgruppen“ gebildet. Die "harten" Fakten gibt es hier.

Sonnenschein und ein bleischwerer Rucksack. Ersteres gratis, den Rucksack muss ein jeder selber buckeln. Ja, wer war nur auf die Idee gekommen, Zelt und Vollverpflegung für alle drei Tage mitzuschleppen? Gibt es in Sachsen – Anhalt keine touristische Infrastruktur? Der Flecken liegt wie ausgestorben in der Sonne. Wegweiser sind äußerst sparsam aufgestellt. Aber wir finden einen gangbaren Weg, der uns schon bald zwischen blühenden Weiden und Feldern in eine weite, hügelige und offene Landschaft führt. Nachdem wir eine ganze Weile wacker fürbass geschritten waren, tauchen wir ein in den grünen Schatten herzynischer Bergbuchenwälder, welche auf der herzynischen Bruchscholle, als Harz wohlbekannt, in den unteren Lagen stocken. Bald stehen wir bis zu den Knien im Harzer Labkraut und rätseln, welche der Wegspuren wir wählen wollen. Landkarten werden aus der Tiefe der Rucksäcke hervorgekramt. Beste, neueste Auflagen renommierter Verlage, wasserbeständig und reißfest. Die Landschaft will aber rein gar nicht zu diesen Landkarten passen. Keiner kennt den rechten Weg, aber alle rennen vorne mit, und das mit ganzer Kraft! Wandern im Harz, das sind die letzten großen Abenteuer, die man hier in Mitteleuropa noch erleben kann. Wir nehmen so manchen Umweg in Kauf, folgen dem Kolonnenweg einstiger DDR – Grenze. Dieser ist nicht zu verfehlen. Im Abend erreichen wir, wie vorgesehen den Zeltplatz in Hohegeiß. Regenbögen am Abend, frohe Stimmung denn Jens stellt einen Kasten Bier auf den Tisch – Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Grau dämmert der Morgen. Nebel wallen. Klatschnass ducken sich die Zelte im dünnen, kalten Regen. Mit Sorge wandern wir durch das Elend. Öd und leer ducken sich die beiden Weiler im Regen. Aufwärts führt uns der Steig durchs Elendstal. Es riecht nach feuchter Erde. Wildromantisch tost die Bode über gewaltige Granitblöcke. Uralte Buchen und Fichten, von wassertriefenden Moospolstern überzogen, ragen in den nebelverhangenen Himmel. Eine mystische Dämmerung umfängt uns. Das nasse Zelt gluckst im Rucksack, der Geist ist willig doch die Beine biegen sich, von Regencape oder Schirm tröpfelt das Wasser, die Fußsohlen brennen. Noch eine Nacht zelten? Nein Danke! Glücklicherweise hat es in der Schierker Jugendherberge noch Platz. Bei Schummel – Max und vielen, vielen, vielen, ganz vielen „Schierker Feuersteinen“ verbringen wir einen lustigen Abend in der Herberge.

Es goss die ganze Nacht. Der „Nationalpark Harz“ empfängt uns mit bestens angelegten Wanderwegen und einer Vielzahl schön geschnitzter Wegweiser. Verlaufen unmöglich, massive Holzgeländer leiten uns hinein, in die raue Gipfelzone des Brockens. Nebelschwaden wehen um sturmgezauste Fichten, die tiefverwurzelt zwischen den groben Granitfelsen allen Wetterunbilden zum Trotze sich erheben. Düster steht der Bergwald im einfallenden, sich verdichtenden Nebel. Baumskelette ragen gleich drohenden Naturgeistern in den düsteren Himmel. Wasser tropft aus dem Geäst. Am Gipfelplateau sind die wenigen, zerzausten Fichten von glasigem Eis überzogen. An der Gipfelpyramide feiern wir unsere Brockenersteigung mit reichlich „Schierker Feuerstein“, den Andreas eigens hier herauftrug. Nun geht es mit uns nur noch abwärts! Wir folgen dem Lauf der wildtobenden Ilse, durchs wildromantische Ilsental bis nach Ilsenburg. Wir wandeln auf Pfaden, die schon der „Geheime Rath“ von Goethe und auch Heinrich Heine unter ihre Bergschuhe nahmen. In Ilsenburg finden wir tatsächlich einen Bahnhof, von dem uns ein Zug wieder zurück nach Leipzig schuckelt. Eine phantastische Tour geht zu Ende, Dank den Organisatoren.

Am Ende haben wir 53 km, 1575 m Aufstieg, 1566 m Abstieg, in 16 h Gehzeit und mit Rucksäcken zwischen 15 und 22 kg zurückgelegt.

Leipzig, Juni 2012 Dr. Volker Beer, Uta Eyle

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